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Alles Trauma, oder was?

Gefangen im eigenen Trauma

Gefangen im eigenen Trauma

Sind psychosomatische Erkrankungen, wie beispielsweise Essstörungen, die Folge von traumatischen Erlebnissen während der Kindheit? Oder geht es um übernommene Trauma-Gefühle der Vor-Generationen? Welche Verstrickungen wirken eigentlich im Familiensystem? Was aktiviert unser Bindungssystem? Bei der Suche nach Antworten hat mir ein Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Einblicke verschafft.

Wird das Thema Trauma wahrgenommen?

Einige Zeit begleitete und unterstützte ich dort das Pflegeteam einer psychosomatischen Station mit dem Fokus Essstörungen. Mein Beweggrund war dabei, Einblick in die praktische Arbeit bei Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen zu bekommen. Ich wollte selbst erleben, wie oder ob überhaupt das Thema Trauma dort wahrgenommen wird. Diese Zeit habe ich sehr intensiv erlebt, mir gingen viele Bilder und Eindrücke auch zuhause nicht aus dem Kopf. Die Einzelschicksale sind mir sehr unter die Haut gegangen! Hier in meinem Trauma-Blog möchte ich diese sehr intensiven Erfahrungen mit Ihnen teilen.

Kalorien zählen, wiegen, essen

Ganz positiv ist mir aufgefallen, dass das gesamte Pflegeteam – egal ob Schwestern, Praktikanten oder Schüler – sehr liebevoll mit den jungen Patienten umging. Das hat mich sehr beeindruckt! Schließlich sind die Betroffenen bis zu drei Monate lang stationär in der Klinik. Manche sind dort, weil sie nichts mehr essen wollen oder können, weil sie ihre Magersucht bis an den Rand des Todes bringt. Andere leiden unter Bulimie: essen, brechen, essen, brechen. Und so liegt der Fokus ganz eindeutig auf dem Essen. Kalorien zählen, wiegen. Ich war sehr erstaunt, wie oft diese Jugendlichen teils riesige Mengen essen müssen. Und dabei stehen sie permanent unter Beobachtung – ob das Essen auch drin bleibt.

Welche Bedürfnisse werden bedient?

Kaum zu glauben, aber auffällig: Die meisten Patienten, die ich auf der Station getroffen habe, äußerten sich auf Nachfrage: „Mir geht es gut.“ Verletzlichkeit preisgeben? Schwäche zeigen? Ist das möglich? Geht es hier um den Konflikt zwischen Integrität (persönliche Grenzen und Bedürfnisse) einerseits und Kooperation zugunsten der äußeren Anforderungen andererseits? Welchem Druck müssen sie standhalten? Ein häufiges Syndrom bei psychosomatischen Krankheiten ist destruktives Verhalten, wie zum Beispiel das Ritzen. Betroffene erklären, es diene ihnen zur Druckentlastung. Beobachtet habe ich auch die angespannte Körperhaltung der Jugendlichen, besonders beim Essen. Vom Pflegeteam wurden mir Nuancen aufgezeigt, auf die es zu achten gilt.

Übungen zu Achtsamkeit und Körperwahrnehmung

Für mich war diese Zeit ein intensiver, bewegender Einblick in den nicht alltäglichen Alltag von jungen Menschen mit gravierenden Problemen. Vielleicht konnte ich mich ein wenig einbringen und das Pflegeteam unterstützen. Mit Übungen zur Achtsamkeit und Körperwahrnehmung habe ich dies zumindest versucht. So konnte ich zum Beispiel mit einem pflegenden, wohltuenden Fußbad wenigstens für einige Momente Ruhe und Entspannung in den stressigen Alltag bringen. Es war schön zu beobachten, dass einige der jungen Patienten mein Angebot annehmen konnten. Einige Mädchen machten beim Handpeeling mit – eine Möglichkeit, das Gefühl von schöner, zarter und glatter Haut in Verbindung mit einem angenehmen Duft zu erleben. Sich zu spüren.

Selbst-Zerstörung am eigenen Körper

Selbst-Zerstörung am eigenen Körper

Eine junge Frau spricht über ihr Trauma:
„Ich habe eine Essstörung“

Auch nach meiner Praxis-Erfahrung lässt mich das Thema Essstörungen nicht los. Ich möchte den Zusammenhang von Trauma mit psychosomatischen Krankheiten, wie zum Beispiel Essstörungen, durchschauen. Zufällig bin ich im Internet auf einen sehr bewegenden Artikel gestoßen. Die junge Autorin beschreibt darin ganz ehrlich und offen ihren Weg in die Magersucht. So schreibt sie: „Ich habe eine Essstörung. Ich ernähre mich nicht von Essen, ich ernähre mich von Zahlen.“ Sie schildert ihren Leidensweg, ihre Geschichte.

„Ich hatte sowieso Probleme zu dieser Zeit…. Meine Psyche kämpfte ums Überleben und suchte nach Halt, einem Anker, irgendwas, womit sie mein zerrüttetes Leben wieder kleben konnte.“

Scham – ein Symptom für Trauma

In diesem Artikel finde ich Parallelen zu dem, was ich bei meinem Praktikum erlebt habe. Die Autorin schreibt: „Keiner durfte etwas merken, niemand durfte wissen, welchen Überlebenskampf ich innerlich ausfocht.“ So habe sie gelernt, zu lachen, fröhlich zu sein, Spaß zu haben. Und so schlitterte die Autorin des Beitrages weiter hinein in die Krankheit, verlor die Lust am Essen. Sie wusste, dass sie da nicht mehr alleine rauskommt, aber sie schämte sich, Hilfe zu holen. Das ist bezeichnend, denn Scham ist ein Trauma-Symptom und genau da könnte die Trauma-Arbeit beginnen. Zudem schreibt die junge Frau:

„Ich stehe dauerhaft unter Spannung, auch wenn zeitgleich eine grenzenlose Leere mein Leben bestimmt.“

Der Weg zum Trauma führt über den Weg zur Wurzel

Die einzige Möglichkeit etwas zu ändern sieht die Autorin selbst darin, sich „mit der Wurzel auseinander zu setzen“. Erkennt man psychosomatische Erkrankungen als Trauma-Folgestörung, könnte der Weg zur Wurzel der Weg zum Trauma sein. An dieser Stelle möchte ich der Autorin mein Mitgefühl ausdrücken und wünsche ihr, kompetente Hilfe zu finden. Sie selbst schreibt am Ende des Artikels:

„Der erste Schritt ist getan. Ich habe eingesehen, dass ich etwas ändern muss und dass ich Hilfe brauche. … Nur so kann ich überleben.“

Ihre Karina


Hier geht’s zum gesamten Artikel, der in der Reihe „ÜberLeben“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde:

Hinweis: Für eine gut lesbare Ansicht des Artikels das Zeichen „Drucker“ anklicken

http://www.sueddeutsche.de/leben/magersucht-ich-mag-deine-stampfer-1.2750656 

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